„Germany is a good country“ (Teil I)

kalk_teilKolkata, Indien, im Oktober 2015. 

Vom Maidan Park über vier Fahrspuren, zwischen Bussen und alten Mercedes-Taxis hindurch, auf den breiten Bürgersteig der Park Street. An Saftkarren, Glanzgeschäften und Imbissbuden vorbei. Es gibt Egg Rolls und Momos, an den Kreuzungen Halal-Fleisch. Die Seitenstraßen tragen die Namen britischer Kolonialisten: McLeod Street, Eliot Road, Collin Lane. Ich biege in die, die nach einem muslimischen Dichter benannt ist, Mirza Ghalib Street. Auf kupfeisernen Platten werden Brote gedreht, in Läden Nüsse und getrocknete Früchte verkauft, Ziegenköpfe liegen auf dem Tresen eines Schlachters. Es riecht nach gebratenem Fleisch und heißem Teig. Ein Rikschawallah preist eine Fahrt in seiner Laufrikscha an, er zupft an seinem abgetragenem Shirt und sagt, »no shame, I have to live, too«. Ein blinder Mann steht an der Straße und singt, zwischen ihm und seinem Begleiter hängt ein gespanntes Tuch, Passanten werfen Münzen hinein. Reisebüros reihen sich eins ans andere. Sie werben einstimmig mit Busreisen nach Bangladesh und Flugreisen in die Vereinigten Arabischen Emirate. In den Fenstern Plakate mit Triebwerken und den Dubai Towers. An einem der Reisebüros hängt das Schild einer Schneiderei.

Ich drücke die Glastür auf.

Innen ein schmaler Raum. Zwei junge Männer sitzen hinter Computern, an Telefonen. Die Kunden klopfen mit den Fingern auf die erstandenen Tickets und stecken sie unter ihre Kurtas. Manche haben schon Reisegepäck dabei.

»Tailor?«

Der Reisekaufmann zeigt mit einer Bewegung des Kopfs auf den hinteren Teil des Raums. Eine Treppe führt dort nach oben. Sie ist so schmal, dass ich beim Hochsteigen die Schultern einrollen, den Rücken beugen, den Kopf schief legen muss. Von oben kommt mir das tackernde Geräusch einer Nähmaschine entgegen. Stickige Luft.

Oben kann ich den Kopf gerade richten, aber bleibe in geknickter Haltung. Es ist eine enge Kammer, ohne Tür, ohne Fenster. Ein Schneidetisch, Nähmaschinen an der Wand. Stoffbündel in Regalen und Schränkchen, Stofffetzen auf dem Boden. Zwischen den engen Mauern, unter der niedrigen Decke steht die Luft. Es riecht nach dem Färbemittel frisch bedruckter Stoffe, nach Schwüle und Staub.

Das Nähmaschinentackern bricht ab. In der Ecke erhebt sich ein hagerer Junge. Wortlos schaltet er einen Ventilator ein, dann huscht er an mir vorbei. Er schiebt seinen Körper quer die Treppe hinunter, seine Schritte poltern auf den Stufen.

Der Ventilator setzt ratternd seine Umdrehungen an. Das Getriebe beginnt zu ächzen, von den Flügeln wirbelt Staub auf. Von draußen dringen die Geräusche der Straße ins Innere. Hupen, Rufe, Fahrradklingeln, Gespräche im Vorbeigehen, Bengali, manchmal Englisch. Das Licht fällt durch Ritzen von draußen herein. Ich kann darin den Staub sehen, wie er außer Reichweite des Luftzugs wieder sinkt. Dann kommen Schritte die Treppe herauf, langsames Steigen.

Auf der Schwelle erscheint der Meister.

Maßband über der Schulter, langer, weißer Bart, weite Kurta, auf dem Kopf eine gehäkelte Takke. Ohne viele Worte breitet der Meister meinen Stoff aus, blättert durch Schnittmuster, nimmt Maß. Mit Bleistift macht er Notizen auf Zetteln, mit Kreide zeichnet er auf den Stoff, mit einer großen Schere schneidet er Fetzen ab und tackert sie auf den Beleg. Er rollt den Stoff zusammen, schiebt ihn über den Tisch, wo sich die Aufträge stapeln. Dann räuspert er sich und dreht sich zu mir.

Er spricht in fließendem Englisch. Davon, dass er sein Leben lang unterwegs gewesen ist. Als junger Mann in Großbritannien, später in Saudi-Arabien, wo er als Schneider arbeitete. Schon in den 70er Jahren sind Inder und Bangladeshis zum Arbeiten nach Saudi-Arabien gegangen, waren Bauarbeiter, Kellner, Haushaltshilfen, Fahrer, Mechaniker. Egal, was für Arbeiten sie in Saudi-Arabien erledigten, sie brauchten dort einen Schneider. Also gab es für den Meister Arbeit. Im Alter ist er in seine Heimatstadt Kolkata zurückgekehrt.

Und wo komme ich her?

Deutschland.

Der Meister hält inne. Er streicht sich über die Schläfe. Er sagt: »Germany is a good country.«

Auf dem Weg hierher haben zwei junge Inder im Small Talk ausgerufen, Deutschland sei ein gutes Land, weil es Fußballweltmeister sei und die Brasilianer kleingekriegt hätte.

Der Meister legt Bleistift und Maßband aus den Händen. »It is good«, sagt er, »because I read the newspapers. And what I read about Germany these days is good.«

Die Schlagzeilen dieser Tage auf den Auslandsseiten der indischen Zeitungen: Merkel opens borders to people fleeing war. Germany takes in ten thousands of refugees. Closing borders is not an option, says German chancelor.

Zeitgleich spricht man auf den Inlandsseiten der indischen Zeitungen von Deutschland: die historischen Fehler der Deutschen dürfen sich nicht in Indien wiederholen. Anlässlich einer Buchpräsentation des ehemaligen pakistanischen Außenministers hat Mumbais radikale hindu-fundamentalistische Gruppierung Shiv Sena dem Organisator der Veranstaltung, einem bekannten indischen Journalisten, Tinte ins Gesicht geschüttet. Auch ist ein Muslim ob des Verdachts, Rindfleisch zu lagern, gelyncht, und ein Gelehrter für seine rationale Auslegung hinduistischer Schriften ermordet worden. Führende indische Schriftsteller protestieren seitdem gegen diesen Faschismus, mit Verweis auf Deutschland. Merkel, so schreibt ein Journalist, hätte bei ihrem Besuch in Indien just zu der Zeit bestimmt gerne von den Lektionen der deutschen Geschichte erzählt, wenn Premierminister Modi sie gelassen hätte. Nur war der ja auch von einer hindu-nationalistischen Partei.

Der Meister wiegt den Kopf von links nach rechts. »It has become so hard for Muslims«, erklärt er, »all over the world. Just because we are Muslims.« Und mit einer Stimme, die gepresst klingt, weil er den Kopf einzieht und das Kinn dabei gegen die Kehle drückt: »I have seen it.«

The Great Calcutta Killing, 1946. Von hier breiteten sich Ausschreitungen zwischen Hindus und Moslems auf Bengalen, dann auf ganz Britisch-Indien aus. Der Preis der Unabhängigkeit von den Briten. Millionen Hindus flohen nach Indien, Millionen Moslems nach Pakistan und nach Ost-Pakistan, dem heutigen Bangladesh. Identity Politics mit zehntausendfachem Todschlag als Folge. Gandhis Idee eines gewaltfreien, alle vereinenden Indiens ging blutig unter. Besonders 1992 in Bombay und 2002 in Gujarat flammte der interreligiöse Hass wieder auf, angeheizt von berechnenden Lokalpolitikern, deren einer heute Indiens Premierminister ist.

»Germany is a good country because they rescue people. They help us. They include us.« Der Schneidermeister fährt mit den Händen in die Luft, zeigt auf imaginäre Geschehnisse, wirft Vorstellungen auf: Wenn du dein Geschäft nicht mehr betreiben kannst, weil es jeden Tag in Brand gesetzt werden könnte, dann musst du gehen. Wenn du eine Familie hast, und ihr könnte irgendetwas zustoßen, dann musst du gehen. Wenn du nachts nur noch mit offenen Augen schläfst, dann musst du gehen.

Die Augen des Meisters funkeln. Hinter ihm die lichtpunktierte Wand. Arabische Aufschriften. Der Kalender, Oktober 2015. Ein Zeitpunkt in der Geschichte.

Sein Leben lang, sagt der Meister, hoffe er darauf, dass die Welt friedlich werde. Jetzt sei etwas Gutes passiert. »I hope it will remain this way«, sagt er. Er nimmt das Maßband, den Bleistift wieder auf. Er blinzelt. Seine Augen sind klein und wässrig, die Präzision feiner Arbeit in mangelndem Licht. Wenn Deutschland uns Menschen nur weiterhin hilft!

Teil II „Germany is a good country


 

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