Der deutsche Sexismus beißt sich in den eigenen Schwanz

 

fear-klein

Der deutsche Sexismus beißt sich in den eigenen Schwanz

Es war sexualisierte Gewalt. Ausrufezeichen! Was daraus gemacht worden ist: Sexualisierte Gewalt von braunen Männern gegen weiße Frauen. Sodass es schnell nur noch um eines ging: Um das Braun dieser Männer. Sodass es schnell nicht um die sexualisierte Gewalt als solche ging, um die Frauen als Opfer und noch nicht einmal um die Täter als Personen. Sondern nur noch um die gewollte Nicht-Zugehörigkeit dieser “anderen” Männer, die dann zu einer absoluten gemacht wurde. Ein weißer (politisch braun gesinnter) Mob baute sich in Wort und Tat auf, um weiße Frauen vor braunen Männern zu retten.⁠⁠1 “Ihre” weißen Frauen.

“Schützt unsere Frauen”, stand auf Plakaten, die sie (Männer wie Frauen) vor dem Kölner Dom und im Netz schwenkten.

Der deutsche Sexismus beißt sich in den eigenen Schwanz.

Wenn irgendjemand von “unseren Frauen” spricht oder etwas derart meint, möchte ich nur noch auf die nächste Mauer, die nächste Empore, die nächste Erhöhung klettern und laut, SEHR LAUT, schreien: Wir, alle Frauen, gehören niemandem! Wir und die Generationen von Frauen vor uns haben genau darum gekämpft! Wir verweigern uns, dass irgendjemand an unserer Stelle spricht!

Denn das ist die Grundlage für sexualisierte Gewalt. Das ist schon eine Form von männlich kodierter Gewalt: uns schwache, verletzliche Rollen zuzuschieben und unsere hervorgehobene Verletzlichkeit zu instrumentalisieren, um — über uns oder über andere Männer — zu herrschen.

Im jetzigen Fall über andere Männer.

So haben sowohl Sexismus als auch Rassismus immer funktioniert: man bedient sich der Stigmatisierung einer anderen Gruppe, um die eigene Herrschaft aufzubauen. Dabei lädt man nebenbei allen Schrott, den man im eigenen Leben so angesammelt hat, alle eigene Enttäuschung, alles eigene Versagen, alle eigens erfahrene Zurückweisung, auf die anderen ab. Praktisch.

Ich möchte wirklich schreien.

Niemand darf sich Zugang zu unseren Körpern nehmen. Genauso darf niemand Besitzansprüche auf unsere Körper, Gedanken und Worte stellen. Niemand darf die an uns verübte Gewalt missbrauchen, um Gewalt gegen andere zu legitimieren.

Ein Klima der Normalität

Die Wahrheit ist: Vor Köln hat die an uns verübte Gewalt kaum interessiert.

Ich bin in Deutschland aufgewachsen mit dem Eindruck, dass es so etwas wie normal ist, wenn Jungs von “Fotzen” und “Schlampen” reden und uns so begutachten, als seien unsere Körper da, um ihnen zu gefallen.

Es ist oft genug vorgekommen, dass es mir so etwas wie normal erschien, wenn etwa auf leerer Straße plötzlich einer neben mir geht und meinen Blick auf seinen mir hingehaltenen, nackten Schwanz lenkt; wenn ich abends heimgefahren werde, und der Fahrer kurz vor dem Ziel plötzlich Gas gibt und an meinem Haus vorbeirauscht; wenn ich mich im Rausch von einer Party in unserer Wohnung zurückgezogen und schlafen gelegt habe und plötzlich ein mir kaum bekannter Typ vor meinem Bett steht, und die Zimmertür hinter ihm ist zu.

Als ich 10 oder 11 war, rief ein Unbekannter im Haus meiner Eltern an, befragte mich über meine Muschi und berichtete von Dingen, die er damit machen könne. Ich hing wie gelähmt am Telefon und wagte nicht aufzulegen, aus irgendeinem falsch verstandenen kindlichen Gehorsam oder einer absurden Höflichkeit heraus.

Warum habe ich mich nicht gewehrt? Warum habe ich nicht aufgelegt?

Ich war Gottseidank so offen, meinen Eltern davon zu erzählen und eine erste Lektion zu lernen: Dass ich als Frau achtsam sein und mich verteidigen muss. Dass ich “Nein!” sagen muss, klar und deutlich.

Es geht weniger darum, dass es Menschen gibt, die die Grenzen anderer nicht akzeptieren und die Verletzung von Schwächeren in Kauf nehmen, um ihre Lust an Sex, Gewalt und Macht zu befriedigen. Sondern dass es ein Klima gibt, in dem all das passieren kann. Und in dem wir Frauen den Eindruck bekommen, dass es so etwas wie normal sei.

Dieses Klima ist in Deutschland.

Die Statistiken belegen diese Normalität: Jede 2. Frau in Deutschland hat derartige sexuelle Belästigungen erfahren. Jede 7. Frau in Deutschland hat sexuelle Nötigung erfahren. Im Schnitt gibt es in Deutschland 20 angezeigte Vergewaltigungen pro Tag. Beinah jede Stunde eine Vergewaltigung. Ich wiederhole: angezeigte.

Wenn ich nachts durch eine dunkle Gegend gehe, ist mir meine Angreifbarkeit bewusst, die nur daraus resultiert, dass ich eine Frau bin. Ich habe mir dagegen angeeignet, mich in meinem Körper stark zu fühlen. Und wir haben zusammengehalten und aufeinander geachtet. Nie werde ich es meiner damaligen Mitbewohnerin vergessen: Obwohl mit ihrer Flamme beschäftigt, merkte sie, dass dieser Typ zu mir geschlichen war. Wutentbrannt stürmte sie in mein Zimmer, schrie den Typen an und schmiss ihn in hohem Bogen erst aus meinem Zimmer und dann aus unserer Wohnung, und seinen Kumpel — ihre Flamme — gleich mit.

Die Aufladung der „anderen“

Als vor knapp drei Jahren eine junge indische Studentin in Delhi von einer Jugendgang brutal gruppenvergewaltigt und ermordet wurde, wurde in den Medien und Köpfen hier Vergewaltigung nur noch als indisches Phänomen gedacht. Zur gleichen Zeit hatte es eine Gruppenvergewaltigung in den USA gegeben, eine Serienvergewaltigung in Wien, plus die “normale” Zahl an Vergewaltigungen in Deutschland.

Darüber wurde aber kaum geschrieben.

Indien wurde hier zum Land der Frauenverachtung und Vergewaltigung. Zwangsheirat, Mitgift, Witwenverbrennung, Tötung weiblicher Föten, das alles lässt sich von außen einfach dämonisieren. Dass es in Indien genauso wie es großes Unrecht gegen Frauen gibt, auch gleichberechtigte Partnerschaften, Frauen in hohen Positionen und Menschen gibt, die mit aller Stärke gegen Geschlechterungleichheiten kämpfen, wurde nicht behandelt.

Es war, als sollte alles Gewaltvolle, was Männer an Frauen überall auf der Welt begehen, auf ein einziges Land geschoben werden, als bräuchte es ein Haupttäterland, ein “Schlimmer als alle anderen”. Ein Land auch, das von der sexualisierten Gewalt im eigenen Land, den eigenen Mängeln hinsichtlich Frauenrechten erfolgreich ablenkte.

Gerade passiert eine ähnliche Aufladung: Die “anderen” sind es, die Frauen nicht achten.

Nur die “anderen”.

Unsere Positionen müssen gehört werden

Es muss um sexualisierte Gewalt als solche gehen, egal von wem und an wem sie begangen wird.

Alle sexuellen Handlungen gegen jemands Willen müssen endlich strafbar gemacht werden. Strafbarkeit darf endlich nicht länger vom Verhalten des Opfers abhängen: davon, wie sehr es sich gewehrt hat, oder nicht wehrt, aus Angst oder Schock oder Überforderung oder Unwissenheit oder Scham.

Wie oft kämpfen wir darum, dass ein “Nein” wirklich für ein “Nein” genommen wird? Und tatsächlich ist es das vor dem Gesetz bislang nicht!⁠⁠2 Ein “Nein” muss ein “Nein” sein, vor einer Person und vor dem Gesetz. Unsere Positionen müssen gehört werden. Wenn wir Frauen uns gegen ein Umfeld von Alltagssexismus wehren, muss das anerkannt werden. Wenn wir sagen, die omnipräsenten Bilder einer scheinbaren Dauerverfügbarkeit von Frauen schaffen einen fruchtbaren Boden für sexualisierte Gewalt, dann müssen diese Darstellungen weg.

Denn sexualisierte Gewalt wird schon weit vorher vorbereitet: mit Sprache und der Unfähigkeit, sich jenseits von Kategorien auszudrücken, mit Witzen und einem Humor, der auf Kosten anderer passiert, mit Bildern und Darstellungsweisen, die bestimmte Sehgewohnheiten bedienen, mit den Teilungen und Trennungen, die jeden Tag neu zementiert werden.

Politische Instrumentalisierung und Hetze

Gerade zementiert man im Namen unseres Geschlechts.

Ein neuer Sexismus, der vorgibt, gegen den Sexismus anderer anzugehen, und der tatsächlich gegen Andere vorgeht. Ein Sexismus, der eine ganze Kloake von Rassismus loslässt und unser Geschlecht gutgemeinter Weise noch durch den Dreck zieht.

Die Übergriffe der Silvesternacht werden bis jetzt benutzt, um das vermeintliche Anderssein aller “Anderen” weiter herauszustellen. Unmittelbar nach Köln wurde Ausweisung als “präventives Handeln zur Gefahrenabwehr” propagiert (CSU-Generalsekretär Scheuer), Hallenbäder für Geflüchtete geschlossen (in Bornheim), die Umgebung von Flüchtlingsheimen für zu bedrohlich dargestellt, als dass man dort noch einen Karnevalsumzug vorbeifahren lassen könne (in Rheinberg). Warum nicht gleich auf Flüchtlinge schießen?, fand Petry, ganz im Sinne einer Kölner Demonstrantin: statt auf “Armlänge” wollte sie Flüchtende auf “Mittelmeerlänge” halten.

Und während die Regierung im Eifer des Geschreis das Asylrecht verschärft, Abschiebungen erleichtert und Familiennachzug verhindert, gehen weiße Männer handgreiflich gegen Flüchtlinge vor, schlagen zu wie Besoffene auf einem Provinzfest und legen Feuer wie in einem Pogrom.

Nur ohne wie.

Kein Rassismus über unsere Körper

Das Austragen einer feindlich gestimmten Asyldebatte auf unseren Körpern ist einmal mehr Gewalt gegen uns. Unsere Positionen als Frauen und unsere Forderungen nach einer Gesellschaft ohne sexualisierter Gewalt werden hier vereinnahmt, unsere Körper einmal mehr instrumentalisiert (rechte Frauen instrumentalisieren ihre eigenen Körper), unsere Sexualität einmal mehr missbraucht.

Wir sperren uns gegen diese Vereinnahmung. Wir geben unsere Körper für keinen nationalistischen Diskurs her. Wir lassen niemanden seinen Rassismus auf unsere Brüste schreiben. Unsere Körper sind und bleiben für alle unantastbar.

Erst recht in Zeiten solch männlicher Hysterie.

 

1 “Weiße Männer retten die braune Frau vor den braunen Männern”, analysiert Gayatri Spivak koloniale Zivilisierungsmissionen des britischen Empire in Indien, bei denen es nur scheinbar um die Befreiung der hinduistischen Frauen von patriarchalen Praktiken ging, tatsächlich aber an den Frauen und ihren Körpern Machtkämpfe ausgetragen wurden (vgl. G. Spivak, Can the Subaltern speak? Postkolonialität und subalterne Artikulation, 2007). In den rechten Debatten nach Köln soll nicht quasi-koloniale Macht über Fremdes gewonnen werden, sondern vermeintlich Eigenes gegen vermeintlich Fremdes verteidigt werden. Der Körper der weißen Frau wird hier zum Austragungsort einer nationalistischen Machtdemonstration.
2 Der Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe (bff) kritisiert: “Täter dürfen sich wissentlich über den erklärten Willen hinwegsetzen. ‘Nein’ sagen reicht für eine Strafbarkeit nicht aus.” Und: “Die sexuelle Selbstbestimmung muss aktiv verteidigt werden, sie ist nicht voraussetzungslos geschützt.” (bff: “Was Ihnen widerfahren ist, ist in Deutschland nicht strafbar”. Fallanalyse zu bestehenden Schutzlücken in der Anwendung des deutschen Sexualstrafrechts bezüglich erwachsener Betroffener, 2014)

 

 

Advertisements

Ein Gedanke zu “Der deutsche Sexismus beißt sich in den eigenen Schwanz

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s