Deutschland, und zurück #1: Rückkehr

München, Anfang 2016

Ich war weg. Kam zurück nach dem deutschen Willkommenssommer, dem Pariser Terrorherbst, der Kölner Neujahrshysterie. 

Es war wie ein Zurückkommen in ein anderes Land. 

Durch indische Zeitungen hatte ich es mitbekommen: Wie Merkel die Grenzen öffnete. Wie Bewohner*innen meiner Stadt die Flüchtenden begrüßten. Wie Deutschland plötzlich zeigte, dass es möglich war, aus der Geschichte zu lernen. Ein Artikel in der Times of India reflektierte: Menschen, die in extra bereit gestellten Zügen durch Deutschland rollten — es überfalle einen nicht mehr mit dem Eindruck des unheimlich Grausamen.

Einmal war das Menschliche die bestimmende Komponente der Politik. Einen Sommer lang. Von den hiesigen Zweifeln an der Machbarkeit der Menschlichkeit hörte ich im Ausland nichts.

Dann war ich zurück — inmitten der neuen rechten Hetze nach Köln, dem Obergrenzengeschrei der regierenden Parteien und steigenden Anschlägen auf Asylunterkünfte. Die Große Koalition brachte ein menschen-, insbesondere familienverachtendes Asylpaket durch. Grenzen am und im Schengen-Raum wurden dicht gemacht. Und die Afd hielt Einzug in drei Landesministerien.

Ab sofort müssen wir alle unter Beweis stellen, wieweit wir aus der Geschichte gelernt haben.

„Germany is a good country“ (Teil II)

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Einen Monat später stürmen IS-Terroristen Paris. In Indien erinnert die Meldung sofort an die dreitägige Belagerung Bombays im November 2008. In jenem indischen Terrornovember hatten zehn schwerbewaffnete islamistische Terroristen 174 Menschen getötet, auch 17 Polizisten im Einsatz. Am größten Bahnhof Bombays hatten sie ebenso in die Menge geschossen wie in einem bekannten Touristencafé und in den Lobbies zweier berühmter 5 Sterne-Hotels. Sie hatten ein jüdisches Zentrum gestürmt und ein Rabbiner-Ehepaar ermordet. Über die Stadt verteilt hatten sie Bomben hochgehen lassen. Im Hilton Trident Oberoi und im Taj Mahal hatten sie sich mit Geiseln verschanzt. Drei Nächte hatte der Terror angedauert, ehe Spezialkommandos endlich beide Hotels stürmen und sichern konnten. Nach dem 13. November 2015 war in Indien schnell klar: die Anschläge von Paris waren „Mumbai-type“. Überall in Indien wurden die Sicherheitsvorkehrungen erhöht.

In seiner Schneiderei stellt der Meister das Kofferradio an. Er sucht einen Sender. Er erhebt sich, geht auf und ab, zwei Schritte in die eine, zwei Schritte in die andere Richtung. Er setzt sich, blättert die Zeitung durch. Er drückt sich wieder hoch, zwei Schritte auf, zwei Schritte ab. Die Luft ist drückend, auch in diesem November. Der Meister sinkt erneut auf den Schemel. Er stützt das Kinn auf. Er schüttelt den Kopf. Er wischt die Schweißperlen ab. Jetzt hat er keine Hoffnung mehr. Er weiß, was auf solche Attacken folgt.

Er weiß es seit der Angst, die die indischen Muslime am Tag der Ermordung Ghandis überkam. Wenn das ein Muslim war, dann sind wir so gut wie tot! Sie hatten erst aufgeatmet, als feststand, dass Ghandis Mörder ein Hindu-Fanatiker war. Von den Angriffen auf Muslime nach dem 11. September weiß der Meister es. Um 9/11 zu vergelten, ermordeten amerikanische Patrioten im Alleingang amerikanische Muslime, darunter Balbir Singh Sodhi, einen indischstämmigen Sikh, der wegen seines Turbans von seinem Mörder für einen Muslim gehalten wurde, und Sunando Sen, den eine weiße Amerikanerin vor eine einfahrende New Yorker U-Bahn stieß – dabei war Sen Hindu. Der Meister weiß es von den Anschlägen auf Moscheen und Individuen nach den Bomben in London. Von den Granatenwürfen auf islamische Kulturzentren und Schüssen auf Personen nach dem Anschlag auf Charlie Hebdo. Er weiß es: jedes Mal gibt es ihnen gegenüber mehr Hass. »Just because we are Muslims.«

Was der Meister befürchtet, beginnt unmittelbar nach dem Pariser IS-Terror. In Frankreich finden in den unmittelbar folgenden Tagen 25 registrierte Übergriffe auf Muslime, viele davon auf Frauen. Aus einem Auto wird die Trikolore gehisst, dann schiessen die Insassen auf einen türkischen Mann. Moschen werden mit roten Kreuzen bemalt und mit Schweinefleisch beworfen, Geschäfte muslimischer Inhaber beschmiert und beschossen. In Großbritanien werden in den acht Tagen nach den Anschlägen von Paris 115 islamfeindliche Übergriffe gezählt, die meisten auf Mädchen und Frauen. Die Täter weiße Männer, auffallend jung: zwischen 15 und 35. In Amerika gibt es den ersten Übergriff noch in der Nacht der Pariser Attacken, er richtet sich gegen eine schwangere Frau mit Kleinkind. Crews von American Airlines verweigern die Mitnahme vermeintlich arabisch aussehender Passagiere.

Und Deutschland? Welches Deutschland wollen wir sein? Jenes, das den Meister dazu brachte, Deutschland als ein gutes Land anzusehen? Oder jenes, das wie in den 1990er Jahren wieder bereit ist, mit Gewalt gegen Menschen vorzugehen? Erinnert sei an die Opfer des NSU: Enver Simsek, Abdurrahim Özüdogru, Süleyman Tasköpru, Habil Kiliç, Mehmet Turgut, Ismail Yasar, Theodoros Boulgarides, Mehmet Kubasik, Halit Yozgat, Michèlle Kiesewetter. Erinnert sei an Marwa El-Sherbini, die 2010 von einem Rechtsradikalen mit 16 Messerstichen ermordet wurde – in einem deutschen Gerichtssaal. Erinnert sei an Khaled Idris Bahray, einen eritreischen Geflüchteten, der nach der Attacke auf Charlie Hebdo von Unbekannten in Dresden erstochen wurde. Eine „Kleine Anfrage“ der Linksfraktion ergab für das vierte Quartal des letzten Jahres 24 Übergriffe auf Moscheen, von Volksverhetzung bis zu schwerer Brandstiftung, während es in den Quartalen davor im Schnitt 18 waren. Dann kam Köln, und allein in den ersten drei Januarwochen 2016 wurden mehr als 80 antimuslimische Übergriffe aufgenommen – zusätzlich zu den Anschlägen auf Unterkünfte für Geflüchtete. Und während ich das zusammentrage und dabei an die Worte des Meisters in seiner Schneiderei in Kolkata denke, ist schon das nächste islamistische Attentat passiert, warten schon die nächsten rechten Schläger auf Vergeltung.

Der Meister sitzt auf seinem Schemel. Er hat seinen jungen Helfer nach Hause geschickt. Der Ventilator ist aus. Das Licht dringt schwach durch die Ritzen, es sickert an ihm vorbei, verliert sich in Staubkörnern. Der Meister näht nicht. Das Kreidestück, mit dem er sonst Linien auf Stoff zeichnet, wirft er von einer Hand in die andere. Hin und her. Draußen, jenseits der Holzdielen der Dachkammer, geht die Straße ihren täglichen Gang, rufen Menschen, fahren Taxis, hupen Motorräder. Hin und her. Ein Bettler singt, zieht mit seinem Gesang Schritt für Schritt am Haus vorbei. Hin. Klingeln von Münzen, wenn ihm jemand etwas in den Beutel wirft. Und her. Eine Segnung: »Al-Hamdoullilla…« Hin. Unten im Reisebüro buchen Männer One way-Tickets nach Saudi-Arabien. Und her. In der schmalen Straße startet ein Fernbus nach Bangladesh. Hin. Der Muezzin ruft. Und her. Der Meister erhebt sich. Er ist kreideweiß.

Teil I „Germany is a good country

„Germany is a good country“ (Teil I)

kalk_teilKolkata, Indien, im Oktober 2015. 

Vom Maidan Park über vier Fahrspuren, zwischen Bussen und alten Mercedes-Taxis hindurch, auf den breiten Bürgersteig der Park Street. An Saftkarren, Glanzgeschäften und Imbissbuden vorbei. Es gibt Egg Rolls und Momos, an den Kreuzungen Halal-Fleisch. Die Seitenstraßen tragen die Namen britischer Kolonialisten: McLeod Street, Eliot Road, Collin Lane. Ich biege in die, die nach einem muslimischen Dichter benannt ist, Mirza Ghalib Street. Auf kupfeisernen Platten werden Brote gedreht, in Läden Nüsse und getrocknete Früchte verkauft, Ziegenköpfe liegen auf dem Tresen eines Schlachters. Es riecht nach gebratenem Fleisch und heißem Teig. Ein Rikschawallah preist eine Fahrt in seiner Laufrikscha an, er zupft an seinem abgetragenem Shirt und sagt, »no shame, I have to live, too«. Ein blinder Mann steht an der Straße und singt, zwischen ihm und seinem Begleiter hängt ein gespanntes Tuch, Passanten werfen Münzen hinein. Reisebüros reihen sich eins ans andere. Sie werben einstimmig mit Busreisen nach Bangladesh und Flugreisen in die Vereinigten Arabischen Emirate. In den Fenstern Plakate mit Triebwerken und den Dubai Towers. An einem der Reisebüros hängt das Schild einer Schneiderei.

Ich drücke die Glastür auf.

Innen ein schmaler Raum. Zwei junge Männer sitzen hinter Computern, an Telefonen. Die Kunden klopfen mit den Fingern auf die erstandenen Tickets und stecken sie unter ihre Kurtas. Manche haben schon Reisegepäck dabei.

»Tailor?«

Der Reisekaufmann zeigt mit einer Bewegung des Kopfs auf den hinteren Teil des Raums. Eine Treppe führt dort nach oben. Sie ist so schmal, dass ich beim Hochsteigen die Schultern einrollen, den Rücken beugen, den Kopf schief legen muss. Von oben kommt mir das tackernde Geräusch einer Nähmaschine entgegen. Stickige Luft.

Oben kann ich den Kopf gerade richten, aber bleibe in geknickter Haltung. Es ist eine enge Kammer, ohne Tür, ohne Fenster. Ein Schneidetisch, Nähmaschinen an der Wand. Stoffbündel in Regalen und Schränkchen, Stofffetzen auf dem Boden. Zwischen den engen Mauern, unter der niedrigen Decke steht die Luft. Es riecht nach dem Färbemittel frisch bedruckter Stoffe, nach Schwüle und Staub.

Das Nähmaschinentackern bricht ab. In der Ecke erhebt sich ein hagerer Junge. Wortlos schaltet er einen Ventilator ein, dann huscht er an mir vorbei. Er schiebt seinen Körper quer die Treppe hinunter, seine Schritte poltern auf den Stufen.

Der Ventilator setzt ratternd seine Umdrehungen an. Das Getriebe beginnt zu ächzen, von den Flügeln wirbelt Staub auf. Von draußen dringen die Geräusche der Straße ins Innere. Hupen, Rufe, Fahrradklingeln, Gespräche im Vorbeigehen, Bengali, manchmal Englisch. Das Licht fällt durch Ritzen von draußen herein. Ich kann darin den Staub sehen, wie er außer Reichweite des Luftzugs wieder sinkt. Dann kommen Schritte die Treppe herauf, langsames Steigen.

Auf der Schwelle erscheint der Meister.

Maßband über der Schulter, langer, weißer Bart, weite Kurta, auf dem Kopf eine gehäkelte Takke. Ohne viele Worte breitet der Meister meinen Stoff aus, blättert durch Schnittmuster, nimmt Maß. Mit Bleistift macht er Notizen auf Zetteln, mit Kreide zeichnet er auf den Stoff, mit einer großen Schere schneidet er Fetzen ab und tackert sie auf den Beleg. Er rollt den Stoff zusammen, schiebt ihn über den Tisch, wo sich die Aufträge stapeln. Dann räuspert er sich und dreht sich zu mir.

Er spricht in fließendem Englisch. Davon, dass er sein Leben lang unterwegs gewesen ist. Als junger Mann in Großbritannien, später in Saudi-Arabien, wo er als Schneider arbeitete. Schon in den 70er Jahren sind Inder und Bangladeshis zum Arbeiten nach Saudi-Arabien gegangen, waren Bauarbeiter, Kellner, Haushaltshilfen, Fahrer, Mechaniker. Egal, was für Arbeiten sie in Saudi-Arabien erledigten, sie brauchten dort einen Schneider. Also gab es für den Meister Arbeit. Im Alter ist er in seine Heimatstadt Kolkata zurückgekehrt.

Und wo komme ich her?

Deutschland.

Der Meister hält inne. Er streicht sich über die Schläfe. Er sagt: »Germany is a good country.«

Auf dem Weg hierher haben zwei junge Inder im Small Talk ausgerufen, Deutschland sei ein gutes Land, weil es Fußballweltmeister sei und die Brasilianer kleingekriegt hätte.

Der Meister legt Bleistift und Maßband aus den Händen. »It is good«, sagt er, »because I read the newspapers. And what I read about Germany these days is good.«

Die Schlagzeilen dieser Tage auf den Auslandsseiten der indischen Zeitungen: Merkel opens borders to people fleeing war. Germany takes in ten thousands of refugees. Closing borders is not an option, says German chancelor.

Zeitgleich spricht man auf den Inlandsseiten der indischen Zeitungen von Deutschland: die historischen Fehler der Deutschen dürfen sich nicht in Indien wiederholen. Anlässlich einer Buchpräsentation des ehemaligen pakistanischen Außenministers hat Mumbais radikale hindu-fundamentalistische Gruppierung Shiv Sena dem Organisator der Veranstaltung, einem bekannten indischen Journalisten, Tinte ins Gesicht geschüttet. Auch ist ein Muslim ob des Verdachts, Rindfleisch zu lagern, gelyncht, und ein Gelehrter für seine rationale Auslegung hinduistischer Schriften ermordet worden. Führende indische Schriftsteller protestieren seitdem gegen diesen Faschismus, mit Verweis auf Deutschland. Merkel, so schreibt ein Journalist, hätte bei ihrem Besuch in Indien just zu der Zeit bestimmt gerne von den Lektionen der deutschen Geschichte erzählt, wenn Premierminister Modi sie gelassen hätte. Nur war der ja auch von einer hindu-nationalistischen Partei.

Der Meister wiegt den Kopf von links nach rechts. »It has become so hard for Muslims«, erklärt er, »all over the world. Just because we are Muslims.« Und mit einer Stimme, die gepresst klingt, weil er den Kopf einzieht und das Kinn dabei gegen die Kehle drückt: »I have seen it.«

The Great Calcutta Killing, 1946. Von hier breiteten sich Ausschreitungen zwischen Hindus und Moslems auf Bengalen, dann auf ganz Britisch-Indien aus. Der Preis der Unabhängigkeit von den Briten. Millionen Hindus flohen nach Indien, Millionen Moslems nach Pakistan und nach Ost-Pakistan, dem heutigen Bangladesh. Identity Politics mit zehntausendfachem Todschlag als Folge. Gandhis Idee eines gewaltfreien, alle vereinenden Indiens ging blutig unter. Besonders 1992 in Bombay und 2002 in Gujarat flammte der interreligiöse Hass wieder auf, angeheizt von berechnenden Lokalpolitikern, deren einer heute Indiens Premierminister ist.

»Germany is a good country because they rescue people. They help us. They include us.« Der Schneidermeister fährt mit den Händen in die Luft, zeigt auf imaginäre Geschehnisse, wirft Vorstellungen auf: Wenn du dein Geschäft nicht mehr betreiben kannst, weil es jeden Tag in Brand gesetzt werden könnte, dann musst du gehen. Wenn du eine Familie hast, und ihr könnte irgendetwas zustoßen, dann musst du gehen. Wenn du nachts nur noch mit offenen Augen schläfst, dann musst du gehen.

Die Augen des Meisters funkeln. Hinter ihm die lichtpunktierte Wand. Arabische Aufschriften. Der Kalender, Oktober 2015. Ein Zeitpunkt in der Geschichte.

Sein Leben lang, sagt der Meister, hoffe er darauf, dass die Welt friedlich werde. Jetzt sei etwas Gutes passiert. »I hope it will remain this way«, sagt er. Er nimmt das Maßband, den Bleistift wieder auf. Er blinzelt. Seine Augen sind klein und wässrig, die Präzision feiner Arbeit in mangelndem Licht. Wenn Deutschland uns Menschen nur weiterhin hilft!

Teil II „Germany is a good country


 

Der deutsche Sexismus beißt sich in den eigenen Schwanz

 

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Der deutsche Sexismus beißt sich in den eigenen Schwanz

Es war sexualisierte Gewalt. Ausrufezeichen! Was daraus gemacht worden ist: Sexualisierte Gewalt von braunen Männern gegen weiße Frauen. Sodass es schnell nur noch um eines ging: Um das Braun dieser Männer. Sodass es schnell nicht um die sexualisierte Gewalt als solche ging, um die Frauen als Opfer und noch nicht einmal um die Täter als Personen. Sondern nur noch um die gewollte Nicht-Zugehörigkeit dieser “anderen” Männer, die dann zu einer absoluten gemacht wurde. Ein weißer (politisch braun gesinnter) Mob baute sich in Wort und Tat auf, um weiße Frauen vor braunen Männern zu retten.⁠⁠1 “Ihre” weißen Frauen.

“Schützt unsere Frauen”, stand auf Plakaten, die sie (Männer wie Frauen) vor dem Kölner Dom und im Netz schwenkten.

Der deutsche Sexismus beißt sich in den eigenen Schwanz.

Wenn irgendjemand von “unseren Frauen” spricht oder etwas derart meint, möchte ich nur noch auf die nächste Mauer, die nächste Empore, die nächste Erhöhung klettern und laut, SEHR LAUT, schreien: Wir, alle Frauen, gehören niemandem! Wir und die Generationen von Frauen vor uns haben genau darum gekämpft! Wir verweigern uns, dass irgendjemand an unserer Stelle spricht!

Denn das ist die Grundlage für sexualisierte Gewalt. Das ist schon eine Form von männlich kodierter Gewalt: uns schwache, verletzliche Rollen zuzuschieben und unsere hervorgehobene Verletzlichkeit zu instrumentalisieren, um — über uns oder über andere Männer — zu herrschen.

Im jetzigen Fall über andere Männer.

So haben sowohl Sexismus als auch Rassismus immer funktioniert: man bedient sich der Stigmatisierung einer anderen Gruppe, um die eigene Herrschaft aufzubauen. Dabei lädt man nebenbei allen Schrott, den man im eigenen Leben so angesammelt hat, alle eigene Enttäuschung, alles eigene Versagen, alle eigens erfahrene Zurückweisung, auf die anderen ab. Praktisch.

Ich möchte wirklich schreien.

Niemand darf sich Zugang zu unseren Körpern nehmen. Genauso darf niemand Besitzansprüche auf unsere Körper, Gedanken und Worte stellen. Niemand darf die an uns verübte Gewalt missbrauchen, um Gewalt gegen andere zu legitimieren.

Ein Klima der Normalität

Die Wahrheit ist: Vor Köln hat die an uns verübte Gewalt kaum interessiert.

Ich bin in Deutschland aufgewachsen mit dem Eindruck, dass es so etwas wie normal ist, wenn Jungs von “Fotzen” und “Schlampen” reden und uns so begutachten, als seien unsere Körper da, um ihnen zu gefallen.

Es ist oft genug vorgekommen, dass es mir so etwas wie normal erschien, wenn etwa auf leerer Straße plötzlich einer neben mir geht und meinen Blick auf seinen mir hingehaltenen, nackten Schwanz lenkt; wenn ich abends heimgefahren werde, und der Fahrer kurz vor dem Ziel plötzlich Gas gibt und an meinem Haus vorbeirauscht; wenn ich mich im Rausch von einer Party in unserer Wohnung zurückgezogen und schlafen gelegt habe und plötzlich ein mir kaum bekannter Typ vor meinem Bett steht, und die Zimmertür hinter ihm ist zu.

Als ich 10 oder 11 war, rief ein Unbekannter im Haus meiner Eltern an, befragte mich über meine Muschi und berichtete von Dingen, die er damit machen könne. Ich hing wie gelähmt am Telefon und wagte nicht aufzulegen, aus irgendeinem falsch verstandenen kindlichen Gehorsam oder einer absurden Höflichkeit heraus.

Warum habe ich mich nicht gewehrt? Warum habe ich nicht aufgelegt?

Ich war Gottseidank so offen, meinen Eltern davon zu erzählen und eine erste Lektion zu lernen: Dass ich als Frau achtsam sein und mich verteidigen muss. Dass ich “Nein!” sagen muss, klar und deutlich.

Es geht weniger darum, dass es Menschen gibt, die die Grenzen anderer nicht akzeptieren und die Verletzung von Schwächeren in Kauf nehmen, um ihre Lust an Sex, Gewalt und Macht zu befriedigen. Sondern dass es ein Klima gibt, in dem all das passieren kann. Und in dem wir Frauen den Eindruck bekommen, dass es so etwas wie normal sei.

Dieses Klima ist in Deutschland.

Die Statistiken belegen diese Normalität: Jede 2. Frau in Deutschland hat derartige sexuelle Belästigungen erfahren. Jede 7. Frau in Deutschland hat sexuelle Nötigung erfahren. Im Schnitt gibt es in Deutschland 20 angezeigte Vergewaltigungen pro Tag. Beinah jede Stunde eine Vergewaltigung. Ich wiederhole: angezeigte.

Wenn ich nachts durch eine dunkle Gegend gehe, ist mir meine Angreifbarkeit bewusst, die nur daraus resultiert, dass ich eine Frau bin. Ich habe mir dagegen angeeignet, mich in meinem Körper stark zu fühlen. Und wir haben zusammengehalten und aufeinander geachtet. Nie werde ich es meiner damaligen Mitbewohnerin vergessen: Obwohl mit ihrer Flamme beschäftigt, merkte sie, dass dieser Typ zu mir geschlichen war. Wutentbrannt stürmte sie in mein Zimmer, schrie den Typen an und schmiss ihn in hohem Bogen erst aus meinem Zimmer und dann aus unserer Wohnung, und seinen Kumpel — ihre Flamme — gleich mit.

Die Aufladung der „anderen“

Als vor knapp drei Jahren eine junge indische Studentin in Delhi von einer Jugendgang brutal gruppenvergewaltigt und ermordet wurde, wurde in den Medien und Köpfen hier Vergewaltigung nur noch als indisches Phänomen gedacht. Zur gleichen Zeit hatte es eine Gruppenvergewaltigung in den USA gegeben, eine Serienvergewaltigung in Wien, plus die “normale” Zahl an Vergewaltigungen in Deutschland.

Darüber wurde aber kaum geschrieben.

Indien wurde hier zum Land der Frauenverachtung und Vergewaltigung. Zwangsheirat, Mitgift, Witwenverbrennung, Tötung weiblicher Föten, das alles lässt sich von außen einfach dämonisieren. Dass es in Indien genauso wie es großes Unrecht gegen Frauen gibt, auch gleichberechtigte Partnerschaften, Frauen in hohen Positionen und Menschen gibt, die mit aller Stärke gegen Geschlechterungleichheiten kämpfen, wurde nicht behandelt.

Es war, als sollte alles Gewaltvolle, was Männer an Frauen überall auf der Welt begehen, auf ein einziges Land geschoben werden, als bräuchte es ein Haupttäterland, ein “Schlimmer als alle anderen”. Ein Land auch, das von der sexualisierten Gewalt im eigenen Land, den eigenen Mängeln hinsichtlich Frauenrechten erfolgreich ablenkte.

Gerade passiert eine ähnliche Aufladung: Die “anderen” sind es, die Frauen nicht achten.

Nur die “anderen”.

Unsere Positionen müssen gehört werden

Es muss um sexualisierte Gewalt als solche gehen, egal von wem und an wem sie begangen wird.

Alle sexuellen Handlungen gegen jemands Willen müssen endlich strafbar gemacht werden. Strafbarkeit darf endlich nicht länger vom Verhalten des Opfers abhängen: davon, wie sehr es sich gewehrt hat, oder nicht wehrt, aus Angst oder Schock oder Überforderung oder Unwissenheit oder Scham.

Wie oft kämpfen wir darum, dass ein “Nein” wirklich für ein “Nein” genommen wird? Und tatsächlich ist es das vor dem Gesetz bislang nicht!⁠⁠2 Ein “Nein” muss ein “Nein” sein, vor einer Person und vor dem Gesetz. Unsere Positionen müssen gehört werden. Wenn wir Frauen uns gegen ein Umfeld von Alltagssexismus wehren, muss das anerkannt werden. Wenn wir sagen, die omnipräsenten Bilder einer scheinbaren Dauerverfügbarkeit von Frauen schaffen einen fruchtbaren Boden für sexualisierte Gewalt, dann müssen diese Darstellungen weg.

Denn sexualisierte Gewalt wird schon weit vorher vorbereitet: mit Sprache und der Unfähigkeit, sich jenseits von Kategorien auszudrücken, mit Witzen und einem Humor, der auf Kosten anderer passiert, mit Bildern und Darstellungsweisen, die bestimmte Sehgewohnheiten bedienen, mit den Teilungen und Trennungen, die jeden Tag neu zementiert werden.

Politische Instrumentalisierung und Hetze

Gerade zementiert man im Namen unseres Geschlechts.

Ein neuer Sexismus, der vorgibt, gegen den Sexismus anderer anzugehen, und der tatsächlich gegen Andere vorgeht. Ein Sexismus, der eine ganze Kloake von Rassismus loslässt und unser Geschlecht gutgemeinter Weise noch durch den Dreck zieht.

Die Übergriffe der Silvesternacht werden bis jetzt benutzt, um das vermeintliche Anderssein aller “Anderen” weiter herauszustellen. Unmittelbar nach Köln wurde Ausweisung als “präventives Handeln zur Gefahrenabwehr” propagiert (CSU-Generalsekretär Scheuer), Hallenbäder für Geflüchtete geschlossen (in Bornheim), die Umgebung von Flüchtlingsheimen für zu bedrohlich dargestellt, als dass man dort noch einen Karnevalsumzug vorbeifahren lassen könne (in Rheinberg). Warum nicht gleich auf Flüchtlinge schießen?, fand Petry, ganz im Sinne einer Kölner Demonstrantin: statt auf “Armlänge” wollte sie Flüchtende auf “Mittelmeerlänge” halten.

Und während die Regierung im Eifer des Geschreis das Asylrecht verschärft, Abschiebungen erleichtert und Familiennachzug verhindert, gehen weiße Männer handgreiflich gegen Flüchtlinge vor, schlagen zu wie Besoffene auf einem Provinzfest und legen Feuer wie in einem Pogrom.

Nur ohne wie.

Kein Rassismus über unsere Körper

Das Austragen einer feindlich gestimmten Asyldebatte auf unseren Körpern ist einmal mehr Gewalt gegen uns. Unsere Positionen als Frauen und unsere Forderungen nach einer Gesellschaft ohne sexualisierter Gewalt werden hier vereinnahmt, unsere Körper einmal mehr instrumentalisiert (rechte Frauen instrumentalisieren ihre eigenen Körper), unsere Sexualität einmal mehr missbraucht.

Wir sperren uns gegen diese Vereinnahmung. Wir geben unsere Körper für keinen nationalistischen Diskurs her. Wir lassen niemanden seinen Rassismus auf unsere Brüste schreiben. Unsere Körper sind und bleiben für alle unantastbar.

Erst recht in Zeiten solch männlicher Hysterie.

 

1 “Weiße Männer retten die braune Frau vor den braunen Männern”, analysiert Gayatri Spivak koloniale Zivilisierungsmissionen des britischen Empire in Indien, bei denen es nur scheinbar um die Befreiung der hinduistischen Frauen von patriarchalen Praktiken ging, tatsächlich aber an den Frauen und ihren Körpern Machtkämpfe ausgetragen wurden (vgl. G. Spivak, Can the Subaltern speak? Postkolonialität und subalterne Artikulation, 2007). In den rechten Debatten nach Köln soll nicht quasi-koloniale Macht über Fremdes gewonnen werden, sondern vermeintlich Eigenes gegen vermeintlich Fremdes verteidigt werden. Der Körper der weißen Frau wird hier zum Austragungsort einer nationalistischen Machtdemonstration.
2 Der Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe (bff) kritisiert: “Täter dürfen sich wissentlich über den erklärten Willen hinwegsetzen. ‘Nein’ sagen reicht für eine Strafbarkeit nicht aus.” Und: “Die sexuelle Selbstbestimmung muss aktiv verteidigt werden, sie ist nicht voraussetzungslos geschützt.” (bff: “Was Ihnen widerfahren ist, ist in Deutschland nicht strafbar”. Fallanalyse zu bestehenden Schutzlücken in der Anwendung des deutschen Sexualstrafrechts bezüglich erwachsener Betroffener, 2014)